Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 31.12.2012

 KnallFred in der NZZ

Zu Gast

«Knallfreds» Freude am flüchtigen Zauber

Es gibt Drogisten, und es gibt Feuerwerkverkäufer. Der Berner Wilfried Burri alias Knallfred ist beides – aus Freude und mit Enthusiasmus.

Wilfried Burri ist ein Mischler. Durchaus im positiven Sinn. In seiner Drogerie am Waisenhausplatz mitten in Bern mischt er spagyrische Essenzen zu homöopathischen Mitteln. Burri macht das seit Jahren mit Fachkenntnis, Freude und Überzeugung. In seinem Geschäft sieht es aus wie in vielen anderen Drogerien im Land, auch der Duft erinnert an eine Mischung aus Heilmittel und Parfums. Doch die «feinstoffliche Seite», wie sie der Drogist selbst bezeichnet, ist nur eine Tätigkeit von Burri – es gibt noch eine «grobstoffliche». Wer sich diese Seite erschliessen will, muss mit dem Geschäftsführer, der seit bald 25 Jahren in Bern tätig ist, im Lift auf den Estrich fahren. Dort stehen sie sauber geordnet und in Holzgestellen aufgereiht: Vulkane, Raketen und sogenannte Batterien. Denn Burri ist auch Feuerwerksverkäufer, mehr als das: Er ist ein eigentlicher «Feuerwerker». Das hat ihm den Namen «Knallfred» eingetragen, mit dem er mittlerweile weit über die Bundeshauptstadt hinaus bekannt ist. Stellt sich der Drogist der Kundschaft vor, so macht er das meist als «Knallfred» und nicht als «Burri».

 

Anstrengende Zeiten

Die doppelte Geschäftstätigkeit führte dazu, dass sich Knallfred nach dem anstrengenden Weihnachtsgeschäft kaum erholen konnte. Wurde es unten in der Drogerie etwas ruhiger, so nahm die Tätigkeit auf dem Dachboden zu. Denn an Silvester wird inzwischen auch in der Schweiz im grösseren Stil Feuerwerk abgebrannt. «Seit dem Jahr 2000 hat dies deutlich zugenommen», erklärt Knallfred und sieht den Ursprung dieses Trends in Deutschland.

Die Hälfte des Feuerwerk-Umsatzes macht Knallfred zwischen Mitte Juni und Mitte September, wenn es neben dem 1. August auch viele Feste zu feiern gibt. Ein weiteres Viertel des Feuerwerks geht mittlerweile in der kurzen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr über den Ladentisch. Der Rest verteilt sich über das ganze Jahr. Denn bei Burri können Kunden immer Vulkane und Raketen kaufen. Das führt dazu, dass er inzwischen ein Drittel seines Umsatzes mit dem Verkauf von Feuerwerk erzielt, der Rest wird in der Drogerie eingenommen.

Sowohl im Erdgeschoss wie auch auf dem Dachboden hat Burri eine Stammkundschaft. Denn der zuvorkommende und freundliche 60-Jährige ist mehr als ein Verkäufer; er berät seine Kundschaft im besten Sinn des Detailhändlers. Und wenn es um Feuerwerk geht, ist Knallfred sogar Komponist des flüchtigen Zaubers. So stehen bei ihm Feuerwerke mit der Bezeichnung «Bärner Müntschi», «Marzilignuss» oder «Venus vo Bümpliz». Entstanden sind sie in Burris Kopf, der damit Bräuche, Personen oder aktuelle Anlässe der Bundesstadt pyrotechnisch darstellen will. Für die Umsetzung von Knallfreds Träumen ist die Schweizer Feuerwerk-Firma Bugano in Neudorf zuständig.

 

Unfälle vermeiden

Bei Knallfred gibt es neben Feuerwerk für mehrere hundert Franken auch kleines «Knallzeug» – mit dem Kinder üblicherweise ihre ersten Versuche machen. Burri ist jedoch zurückhaltend beim Verkauf von «Frauenfürzen» und anderen Knallern. Nicht weil sie zu wenig einträglich wären, aber weil er um die Gefährlichkeit dieser kleinen explosiven Dinger in Kinderhänden weiss. Deshalb sind die Gestelle mit einem Mindestalter angeschrieben, und Burri setzt dieses auch durch. «Es gab noch nie einen Unfall mit meinem Feuerwerk und ich will auch in Zukunft keinen», so begründet er seine Haltung. Deshalb müssen die Käufer von grösseren Feuerwerken ein Verkaufsprotokoll unterschreiben, in dem ausführlich auf gesetzliche Vorschriften, Lagerung und richtigen Umgang hingewiesen wird.

Und Knallfred kennt seine Klientel inzwischen so gut, dass er die zu «forschen Kunden» von den grossen Kisten zu den kleineren Dimensionen hinführt. Es erstaunt auch nicht, dass der bekennende YB-Fan nichts hält von Pyros in Fussballstadien und froh ist, dass ihn diese Kundschaft meidet. «Wenn diese Fans eine Ahnung von Fussball hätten, würden sie auf den Rasen schauen und müssten kein Feuerwerk abbrennen», lautet sein lakonischer Kommentar.

 

Liftfahren gehört zur Arbeit

Burri ist mehr als ein Verkäufer, der vor dem 1. August an einer vielbefahrenen Strasse einen Feuerwerk-Stand aufstellt. Knallfred berät gerne, und er ist 20 bis 30 Mal im Jahr selbst vor Ort, wenn grössere Kompositionen gezündet werden. Dann macht der feuerwerkende Drogist alles – von der Planung über das Einholen der Bewilligung bis zum Zünden des farbigen Zaubers. Noch grössere Feuerwerke überlässt er jedoch den darauf spezialisierten Firmen. «Schuster bleib bei deinem Leisten», lautet sein Wahlspruch, und er berichtet von einer finanziellen Auftragsgrenze, die bei etwa 10 000 Franken liegt. Braucht er selbst Unterstützung, dann steht ihm sein Mitarbeiter «Bomben-Steff» zur Seite, und im Übrigen sind seine Angestellten sowohl Drogistinnen als auch Feuerwerk-Verkäuferinnen. Das Liftfahren gehört somit zu deren Alltag. «Die machen das gerne», erzählt der Chef, und man nimmt es ihm ab.

Begonnen hat die Schwäche für Vulkane und Raketen bei Wilfried Burri im Knabenalter mit «Schweizerkrachern». «Damals kosteten diese Dinger noch 10 Rappen», sagt Knallfred und nimmt ein Exemplar aus der Schublade eines alten Pults. «Heute zahlt man dafür sieben Franken und braucht eine Bewilligung.» Die Regeln sind rigider geworden, die Preise gestiegen. Die Freude aber ist bei Knallfred geblieben. Doch auch er hat einmal genug. «Nach dem ersten August oder nach Silvester habe ich für eine Zeit genug gesehen von Feuerwerk.» Dann wird aus Knallfred wieder Wilfried Burri, der – wie heute Abend – zu Hause bleibt und auf Feuerwerk verzichtet.

 

von Urs Bloch