Artikel in der "Schweizer Familie" vom 31. Juli 2014

«Grüessech, i bi der Knallfred»

Er liebt es, wenn es kracht und Funken regnet: Der Berner Feuerwerker Wilfred Burri.

Am Nationalfeiertag hat er Hochbetrieb – und sprüht vor Freude und Energie.

 

Text Daniel Röthlisberger / Fotos Basil Stücheli

 
 KnallFred in der "Schweizer Familie"

«Es Fürwärch isch ersch denn schön, wenns de Manne öppe es Chnöpfli am Hemmli uftuet.»

Wilfred Burri

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles Gute zum Geburtstag, Schweiz:

Wilfred Burri, 62, wird am Nationalfeiertag ein Feuerwerk zünden.

 

Die Begrüssung ist herzlich. Und überraschend anders. Er streckt die Hand aus, strahlt übers ganze Gesicht. Und sagt: «Grüessech, i bi der Knallfred.»

Er ist Wilfred Burri. So heisst der 62-Jährige mit bürgerlichem Namen. Seine Freunde nennen ihn Fred. Doch für Bernerinnen und Berner ist er vor allem eines: der Knallfred. Diesen Namen hat er längst schützen lassen. Denn der ist Programm.

Wilfred Burri ist Feuerwerker. Er kreiert feurige Kunstwerke und verkauft Feuerwerksartikel. Er lässt Kometen steigen und Bomben platzen. Lässt Zuckerstöcke sprühen und Lichterherzen brennen. In seinem Laden in Bern stapeln sich in langen Regalen pyrotechnische Herrlichkeiten: Sonnen und Vulkane. Kleine Feuerwerke. Knatterbälle und Raketen. Wunderkerzen und Bengalfackeln. Zurzeit hat Wilfred Burri alle Hände voll zu tun. Zwischen Juni und September macht er die Hälfte seines Jahresumsatzes. Und die Tage rund um den 1. August sind die wichtigsten. «Dann bin ich im Stress», sagt Burri. «Achtung, fertig, los. Hundert Prozent.» Knallfred ist derzeit im Dauereinsatz. Sein Arbeitstag hat 17 Stunden. Er steht im Laden. Berät und verkauft. Eilt ins Lager, füllt Regale auf. Und am Nationalfeiertag wird er abends irgendwo im Land ein Feuerwerk zünden. Am liebsten Nummer 1590. Das sind 448 Effekte in fünf Minuten. «Unglaublich schön.» Burri schaut nicht nur gerne zu. Noch lieber bringt er mit Feuerwerk Augen zum Leuchten. «Ich bereite den Menschen Freude», sagt er. «Das macht mich glücklich.»

Das Knallen zog Wilfred Burri schon als Knabe magisch an. An freien Nachmittagen ging er in seinem Wohnort Ostermundigen oft in die Papeterie, kaufte Schwyzerchracher für zehn Rappen pro Stück. Zog mit ein paar Kollegen in den nahen Wald und sprengte mit den Knallkörpern

kleine Wurzelstöcke und Steine in die Luft. «Das war unser Paradies.»

 

Drogist mit kreativer Ader

Burri Fred wurde aber nicht etwa Sprengmeister. Er wurde Drogist, weil ihn «die Gesundheit des Menschen so sehr faszinierte». Er führte erst in Spiez und später in Bern eine Drogerie. Mit Leib und Seele stand er hinter dem Tresen, empfahl seinen Kunden mehr als Pillen und Salben. «Ich war auch Gesundheitsberater.» Und er holte seine Kindheitserinnerungen ins Geschäft, verkaufte in seiner Drogerie nebst den Medikamenten Feuerwerk und begann bald selbst knallende Kunst zu entwerfen. Aus dem Drogisten wurde Knallfred. «Ich wollte kreativ sein, wollte mich von der Konkurrenz abheben», sagt Wilfred Burri. Seine erste Kreation war «Ds blaue Bähnli» – eine pyrotechnische Hymne an das legendäre Berner Tram. «Das wurde ein Hit.» Also entwarf Knallfred ein Feuerwerk nach dem anderen. Und heute führt er in seinem Laden eine Reihe von Berner Hausspezialitäten: «Bärner Müntschi» und «Katrins Troum». «Marzilignuss» und «Bärner Bluemepracht». «Venus vo Bümpliz», «Sürprise» oder «Mon Bijou». Seine Kreationen bastelt Wilfred Burri nicht etwa selbst zu Hause auf dem Estrich. «Das wäre mir zu gefährlich.» Hat er eine Idee, entwirft er das Feuerwerk im Kopf, malt sich Farben, Höhe und Effekte aus. Dann zieht er den Feuerwerker Toni Bussmann bei. Gemeinsam

lassen die beiden auf dem Gelände von Bussmanns Pyrotechnikfirma Bugano im luzernischen Neudorf einzelne Komponenten in den Nachthimmel steigen, wählen passende Effekte aus und bestimmen eine Choreografie. Die Eigenkreationen lassen sie dann von

Bussmanns Geschäftspartnern in China fertigen. Mit Feuerwerkskompositionen aus China ist Wilfred Burri jahraus, jahrein unterwegs. Er ist an Firmenjubiläen und Hochzeiten zu Gast. An Geburtstagen und 1.-August-Feiern. Er berät seine Kunden – vom Topmanager bis zum Arbeiter.

Holt Bewilligungen ein. Er zündet Feuerwerke, malt mit Figurenlichtern rote Herzen, Glückwünsche oder Firmenlogos in die Nacht. Dabei kann er auf bis zu zwei – zählen, die ihm in ihrer Freizeit zur Hand gehen und entsprechende Übernamen Steff, Bouquetto und Knister.

 

Bei der Arbeit ist fertig lustig

Wenn es «chlepft und tätscht», ist Knallfred in seinem Element. Feuerwerk sei «etwas Befreiendes», sagt er. Fast so etwas wie Therapie. «Feuerwerk stärkt das Immunsystem», sagt er, der Drogist, schmunzelnd. Wenn er eine Komposition zündet und die Bomben platzen, spürt

Wilfred Burri ein Vibrieren in der Brust. «Purluteri Fröid» sei das. «Es Fürwärch isch ersch denn schön, wenns de Manne öppe es Chnöpfli am Hemmli uftuet.» Buben mögen es eben, wenn es knallt. «Mädchen haben lieber, wenn es leuchtet», sagt er. Auch für Wilfred Burri muss es nicht immer laut sein. Er sei «ein ruhiger Typ». Er spielt gern Golf, liebt Jazz und Reisen mit seiner Frau Katrin. Er kann gut Witze erzählen und «den HD Läppli perfekt nachahmen». Bei der Arbeit aber ist für Knallfred fertig lustig. Da ist er stets auf Sicherheit bedacht, trinkt keinen Tropfen Alkohol. «Es darf nichts passieren.» Und das hat Burri erreicht. Er hatte bis heute nicht einen Unfall. Erlebte bloss das eine oder andere Missgeschick. Einmal flogen die Raketen nur halb so hoch wie geplant, weil die Treiber defekt waren. Ein anderes Mal fielen glühende Feuerwerksreste vom Himmel und verursachten Blechschäden an Blasinstrumenten, die ihre Besitzer im Gras liegen gelassen

hatten. «Doch diese Schäden hat die Versicherung übernommen.»

 

Ein Riesenrad für Bern

Wilfred Burri ist jetzt 62. Im März 2013 musste er seine Drogerie in Bern nach 26 Jahren aufgeben, weil die Besitzer der Liegenschaft die Mietzinsen derart massiv erhöhten, dass er kein Auskommen mehr sah. «Das war bitter.» Doch Wilfred Burri steckte den Kopf nicht in den Sand. Er machte das Hobby zum Beruf und ist heute zu hundert Prozent Feuerwerker. Er sprüht vor Ideen. Und er hat einen Traum: Er möchte mit Künstlern an der Aare in Bern ein Riesenrad von 30 Meter Höhe bauen. Dieses Rad soll sich jede Nacht drehen, soll Feuer speien, Kometen abschiessen und Zuckerstöcke abbrennen. «Ein gigantisches Spektakel», schwärmt Knallfred Burri. «So etwas Verrücktes möchte

ich in meinem Leben noch machen.»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

«Katrins Troum» und «Bärner

Müntschi»: In seinem Laden in

Bern verkauft Knallfred seine

pyrotechnischen Kreationen.

 "Katrins Troum" und "Bärner Müntschi" KnallFred in seinem Laden